Die eigentlichen Stellschrauben für KI-ready Netze
Im ersten Teil dieser Serie haben wir gezeigt, dass KI-Nutzung den Datenverkehr in Unternehmensnetzen verändert – mengenmäßig und strukturell. Doch selbst ein Netz mit ausreichend Bandbreite kann bei KI-Anwendungen enttäuschen. Der Grund liegt oft nicht in der gebuchten Leitungsgröße, sondern in der Netzwerkqualität für KI-Anwendungen: Entscheidend sind unter anderem die Qualität und der tatsächliche Weg der Datenübertragung. In diesem zweiten Teil schauen wir uns an, worauf es dabei ankommt – und warum zwei Internetverträge noch lange keine echte Ausfallsicherheit bedeuten.
Das Wichtigste in Kürze
›Latenz, Jitter und Paketverlust beeinflussen die KI-Nutzung oft stärker als die reine Bandbreite.
›Mehrstufige KI-Prozesse summieren kleine Verzögerungen über den gesamten Ablauf – das macht sie empfindlicher als einzelne Anfragen.
›Der tatsächliche Datenweg zur Cloud-Plattform ist häufig entscheidender als die gebuchte Leistungsbeschreibung.
›SD-WAN, Dedicated Internet Access und direkte Cloud-Anbindungen lösen unterschiedliche Probleme – keine Lösung passt pauschal für jedes Unternehmen.
›Zwei Internetverträge bedeuten nicht automatisch echte Redundanz, solange gemeinsame Abhängigkeiten bestehen.
Es kommt nicht nur auf die Größe der Leitung an: Weg, Qualität und QoS zählen
Ein Unternehmen kann über einen leistungsstarken Internetanschluss verfügen und trotzdem unbefriedigende Antwortzeiten bei KI-Anwendungen erleben. Die gebuchte Bandbreite beschreibt vereinfacht gesagt die Größe der Auffahrt – sie sagt aber noch nichts darüber aus, welchen Weg die Daten anschließend bis zur jeweiligen Cloud-Plattform zurücklegen. Ebenso entscheidend ist, wie unterschiedliche Datenströme im Netzwerk behandelt werden: Mit Quality of Service (QoS) lässt sich zeitkritischer Verkehr gezielt priorisieren, damit beispielsweise Sprachinteraktionen oder mehrstufige KI-Prozesse nicht durch weniger zeitkritische Übertragungen ausgebremst werden. QoS ersetzt dabei weder ausreichende Bandbreite noch einen günstigen Datenweg, kann aber die vorhandene Netzqualität besser nutzbar machen. Genau hier setzen die folgenden Qualitätsmerkmale an.
Latenz, Jitter und Paketverlust: Zentrale Faktoren der Netzwerkqualität für KI-Anwendungen
Latenz beschreibt, wie lange Daten für den Weg zum Ziel und zurück benötigen. Bei einer einfachen Textanfrage fallen zusätzliche Millisekunden meist kaum auf. Bei interaktiven Sprachsystemen oder vielen aufeinanderfolgenden Prozessschritten können Verzögerungen dagegen spürbar werden.
Jitter bezeichnet Schwankungen in der Übertragungszeit. Eine Verbindung kann im Durchschnitt eine akzeptable Latenz liefern und trotzdem unruhig wirken, wenn einzelne Datenpakete sehr unterschiedlich lange unterwegs sind – etwas, das bei Sprach- und Echtzeitanwendungen besonders auffällt.
Paketverlust führt dazu, dass Daten erneut übertragen werden müssen. Das reduziert den effektiven Durchsatz und kann Anwendungen verlangsamen oder Verbindungen instabil erscheinen lassen.
Hier setzt Quality of Service (QoS) an: Mit QoS lassen sich Datenpakete im Netzwerk priorisieren, sodass latenzkritischer Verkehr – etwa Sprachinteraktionen oder Anfragen an KI-Agenten – bevorzugt behandelt wird, während weniger zeitkritischer Verkehr wie große Datei-Uploads etwas zurückstehen kann. QoS ersetzt keine ausreichende Bandbreite, kann aber verhindern, dass sich mehrere Datenströme gegenseitig ausbremsen und dadurch genau die Verzögerungen entstehen, auf die KI-Anwendungen besonders empfindlich reagieren.
KI benötigt damit nicht grundsätzlich eine extrem niedrige Latenz – entscheidend ist der jeweilige Anwendungsfall. Bei mehrstufigen, agentenbasierten KI-Systemen können jedoch zahlreiche Interaktionen zwischen Modell, Werkzeugen, Datenquellen und externen Diensten stattfinden. Cisco beobachtet in eigenen Tests, dass eine von einem KI-Agenten selbstständig ausgeführte Aufgabe deutlich mehr Gesamtverkehr erzeugt als dieselbe Aufgabe, wenn ein Mensch sie durchführt – ein erheblicher Teil davon entfällt allein auf die Kommunikation zwischen Agent und KI-Modell. Jeder dieser Schritte kann eine kleine Verzögerung hinzufügen, und diese Verzögerungen summieren sich über den gesamten Ablauf.
Wichtig zu wissen
Ein Netz kann im Durchschnitt gute Werte liefern und trotzdem bei mehrstufigen KI-Prozessen ins Straucheln geraten – der gesamte Ablauf zählt, nicht nur die einzelne Anfrage.
Cloud-Routing: Der tatsächliche Datenweg entscheidet
Daten können auf dem Weg zur Cloud-Plattform mehrere Security- und Proxy-Systeme durchlaufen, zunächst über die Unternehmenszentrale geführt werden, über weit entfernte Übergabepunkte transportiert werden oder einen ungünstigen Weg durch die Netze mehrerer Provider nehmen. Zwei Anschlüsse mit identischer Leistungsbeschreibung können sich bei der tatsächlichen Cloud-Erreichbarkeit deutlich unterscheiden – ein reiner Preisvergleich der gebuchten Bandbreite reicht für eine fundierte Bewertung daher meist nicht aus.
SD-WAN, Dedicated Internet Access oder direkte Cloud-Anbindung?
Je nach Situation kommen unterschiedliche technische Ansätze infrage. Keiner davon ist automatisch die richtige Lösung – die folgende Übersicht ordnet die Optionen grob ein:
| Ansatz | Was er leistet | Wann er sich lohnt |
|---|---|---|
| SD-WAN | Steuert mehrere Verbindungen zentral, leitet Cloud-Verkehr lokal aus, schaltet bei Störungen automatisch um | Wenn Transparenz und intelligente Steuerung über mehrere Standorte und Anschlüsse gefragt sind |
| Dedicated Internet Access (DIA) | Bietet symmetrische, vertraglich zugesicherte Bandbreiten und verbindliche Service Levels, teilweise auch inkl. QoS vom Provider | Wenn KI-Agenten eingesetzt werden, viele Nutzer gleichzeitig cloudbasierte Anwendungen verwenden, regelmäßig hohe Uploadmengen entstehen oder KI-Anwendungen geschäftskritisch werden |
| Direkte Cloud-Anbindung (z. B. ExpressRoute, Direct Connect) | Verbindet Standort und Cloud-Plattform über einen privaten, dedizierten Weg | Wenn regelmäßig große Datenmengen fließen, interne Systeme eng mit Cloud-KI verbunden sind oder mehrere Standorte zentrale Cloud-Ressourcen nutzen |
Wichtig dabei: SD-WAN kann Daten intelligent über vorhandene Wege steuern, aber keine dauerhaft fehlende Uploadkapazität oder schlechte Providerwege vollständig kompensieren. Die Qualität der zugrunde liegenden Anschlüsse – das sogenannte Underlay – bleibt immer entscheidend. Ein klassischer Business-Breitbandanschluss kann weiterhin völlig ausreichen, wenn nur wenige Nutzer einfache KI-Assistenten einsetzen, geringe Datenmengen übertragen werden und ein vorübergehender Ausfall tolerierbar ist.
Redundanz: Zwei Anschlüsse sind nicht automatisch unabhängig
Je wichtiger KI-Anwendungen für Geschäftsprozesse werden, desto stärker rückt ihre Verfügbarkeit in den Vordergrund. Viele Unternehmen buchen dafür einen zweiten Anschluss. Das ist grundsätzlich sinnvoll, garantiert aber noch keine echte technische Redundanz. Beide Verbindungen können gemeinsame Abhängigkeiten besitzen – etwa dieselbe Gebäudeeinführung, dieselbe Kabeltrasse, denselben Vorleister, gemeinsame Netzknoten, dieselbe Stromversorgung oder denselben Übergang zur Cloud.
Echte Ausfallsicherheit muss deshalb den vollständigen Pfad betrachten: Standort → Anschluss → Provider → Backbone → Cloud-Übergang → KI-Plattform. Zwei Verträge sind noch keine vollständige Redundanz. Entscheidend ist, ob sich auch die technischen Abhängigkeiten wirklich unterscheiden und ob die Umschaltung zwischen den Anschlüssen regelmäßig getestet wird.
Praxis-Tipp
Lassen Sie sich von Ihrem Provider möglichst schriftlich bestätigen, über welche Trasse, welchen Vorleister und welchen Cloud-Übergang jede Ihrer Verbindungen tatsächlich läuft – nur so lässt sich echte von scheinbarer Redundanz unterscheiden.
Was ein Ausfall oder eine schlechte Anbindung tatsächlich kostet
Wird eine KI-Anwendung Teil des Tagesgeschäfts, wirkt sich eine unzuverlässige Anbindung nicht mehr nur auf die IT aus, sondern auf das Geschäft selbst. Mitarbeitende warten auf Antworten statt produktiv zu arbeiten, kundennahe Prozesse geraten ins Stocken, und wiederkehrende kleine Störungen untergraben das Vertrauen in neue KI-Anwendungen – noch bevor sie ihren Nutzen entfalten können. Diese Effekte lassen sich selten exakt beziffern, sind aber ein wichtiges Argument dafür, Redundanz und Netzqualität nicht erst dann zu überdenken, wenn eine KI-Anwendung bereits geschäftskritisch geworden ist.
Checkliste: Ist meine Netzqualität und Redundanz KI-tauglich?
✓Latenz, Jitter und Paketverlust wurden für die genutzten Standorte und Anwendungen schon einmal gemessen.
✓Es ist bekannt, über welchen Weg der Datenverkehr zu den relevanten Cloud-Plattformen tatsächlich läuft.
✓Bei mehreren Internetanschlüssen sind die technischen Abhängigkeiten (Trasse, Vorleister, Cloud-Übergang) bekannt und dokumentiert.
✓Ein Ausfall oder Umschalten zwischen Anschlüssen wurde in den letzten zwölf Monaten aktiv getestet.
✓Es ist definiert, wie lange eine KI-gestützte Anwendung im Ernstfall ausfallen darf.
Treffen mehrere Punkte nicht zu, lohnt sich eine genauere Betrachtung von Routing und Redundanz – unabhängig davon, ob aktuell Probleme spürbar sind.
Fazit: Qualität und Redundanz zählen mehr als reine Bandbreite
Latenz, Jitter, Routing und echte Redundanz entscheiden bei KI-Anwendungen oft mehr über die Nutzererfahrung als die gebuchte Bandbreite allein. Eine passende QoS-Konfiguration kann zusätzlich helfen, zeitkritischen Datenverkehr zu priorisieren und die vorhandene Netzqualität besser zu nutzen. SD-WAN, Dedicated Internet Access, QoS und direkte Cloud-Anbindungen sind dabei keine pauschalen Standardlösungen, sondern Werkzeuge für unterschiedliche Anforderungen. Welche davon sinnvoll sind, hängt von Standortstruktur, Kritikalität der Anwendungen und tatsächlichem Datenverkehr ab.
MPC unterstützt Unternehmen dabei, genau diese Fragen anbieterneutral zu klären: Welcher Weg führt zur jeweiligen Cloud-Plattform, wo bestehen versteckte Abhängigkeiten, und welche Kombination aus Anschlusstechnik und Redundanzkonzept passt tatsächlich zur eigenen Situation.
Im nächsten und letzten Teil dieser Serie zeigen wir konkrete Handlungsempfehlungen, mit denen sich Unternehmen auf steigende KI-Nutzung vorbereiten können – gezielt und mit überschaubarem Investitionsaufwand.
Lassen Sie Routing, Latenz und Redundanz Ihres Unternehmensnetzes anbieterneutral prüfen:
MPC identifiziert versteckte Abhängigkeiten und zeigt auf, welche technische Lösung tatsächlich zu Ihrer Situation passt.
Autor
Ferdinand Ruppert
Geschäftsführer MPC Service GmbH
Ferdinand Ruppert besitzt umfangreiche Erfahrung in der Beratung und Betreuung von Großkunden mit Fokus auf den Themen Standortvernetzung und Netzwerkinfrastruktur (WAN). Kunden profitieren von seinem umfassenden Wissen zu technischem Design/ ReDesign, IT-Security, Benchmarking und Ausschreibungsmanagement. Jetzt auf LinkedIn vernetzen.
